Unterversorgung im Bässlergut

Am 8. April 2026 traten zwei Gefangene im Bässlergut in den Hungerstreik. Am 14. April schloss sich mehr als die Hälfte der Inhaftierten im Basler Ausschaffungsgefängnis dem Hungerstreik an, zwei Tage später trat ein Gefangener in einen zweitägigen Durststreik.

Sie verlangen Gehör für ihre grundlegenden Forderungen: Freiheit, Würde, Respekt. Zugang zu Gesundheitsversorgung, Internet und Informationen. Ihr Widerstand ist entschlossen. Es liegt an uns den Widerstand der Gefangenen nach draussen zu tragen und Druck aufzubauen!

Ausschaffungshaft ist ein direkter Angriff auf die Körper der Gefangenen; sie sollen verfügbar sein, ihre Körper werden “verwaltet”. Hungerstreik ist eine Rebellion gegen die Kontrolle und er bedeutet auch, sich der Verfügbarkeit zu entziehen und ein Stück Macht zurückzuerlangen.

Während am Freitag den 17. April die ersten Zugeständnisse für Gespräche gemacht wurden und einige Gefangene den Streik beendeten, befanden sich letzte Woche, 22. April, noch immer drei Menschen im Hungerstreik. Der Hungerstreik wurde seither beendet, doch der Kampf geht weiter.

Der breite Hungerstreik im Gefängnis Bässlergut ist kein isolierter Aufstand. Seit vielen Monaten leisten die Gefangenen kontinuierlich und auf unterschiedliche Weise Widerstand gegen diesen Knast, sie traten mehrfach in Hungerstreiks, sowie einen zweitägigen Durststreik vor ca. einem Jahr. Das ist ein Kampf für Freiheit; für ein Ende der Knäste. Ein Kampf gegen dieses unmenschliche und rassistische System, das die Menschen ohne Informationen und ohne Grund über bis zu eineinhalb Jahre in diesem Gefängnis festhält.

“15 mois – pour rien. Tu deviens fou.” – 15 Monate für nichts, du wirst verrückt, sagt ein Gefangener dazu.

Die Baustelle beim Bässlergut mit einer Bretterwand voller Parolen: NoBorders, Liberté!, Free all Prisoners!!

Ein Hauptproblem im Bässlergut ist die medizinische (Unter-)Versorgung. Sie ist sowohl mangelhaft als auch fahrlässig. Und sie ist ein Druckmittel, mit dem die Maschinerie, die Leute dazu bringen will, “freiwillig” zurückzukehren. Der Gefängnisarzt schaut sich die Verletzungen lediglich oberflächlich an, sagt, alles sei okay und schickt die Gefangenen mit einer Creme und Dafalgan zurück in die Zelle, ohne dass sie je eine*n Spezialist*in zu sehen bekommen.

“Dafalgan et Ibuprofene, c’est ça le traitement” – Dafalgan und Ibuprofen, das ist die Behandlung.

Gesundheitsprobleme werden nicht ernst genommen, der Zugang systematisch blockiert. Wir haben verschiedene Geschichten über mangelhafte Versorgung und schwere Gefährdung des Lebens unserer Freunde gesammelt, um diese hier zu erzählen. Das sind weder Fehlentscheidungen noch Einzelfälle. Es handelt sich um die willentliche und systematische Unterlassung von Hilfeleistung.

Fall 1: T. und sein Bruder F.

Nach einem Scooterunfall leidet T. unter starken Schmerzen aufgrund von Kopf-, Rücken- und Handverletzungen. Seit er Mitte März ins Bässlergut kam, erhält er nur Dafalgan und Ibuprofen. Das medizinische Personal negiert kontinuierlich, dass eine Behandlung und sogar eine Operation dringend wäre. Dies obwohl das Krankenhaus ihm beim letzten Besuch gesagt habe, er müsse selbst bei schwachen Kopfschmerzen zu ihnen kommen. Von Seiten des Bässlerguts kam es nie zu einer Überweisung.

“Ich bin im Gefängnis in Basel, ich und mein Bruder – für nichts. Und dazu sind wir beide krank. Ich habe 5 kg verloren und mein Bruder 10 kg (…) Wir sind im Hungerstreik, weil das Migrationsamt sich weigert, mit uns zu sprechen. Jeden Tag fragen wir, was sie mit uns vorhaben, aber wir hatten noch nie ein Gespräch mit ihnen. Wir sind seit 26 Tagen hier im Gefängnis, mein Bruder hat einen gebrochenen Arm und bis jetzt keine Behandlung bekommen. Er braucht eine Operation, ich brauche eine Operation. Aber sie sprechen nicht mit uns. Ich bin kein Hund. Wir machen weiter mit dem Hungerstreik bis sie mit uns reden, bis sie uns Antworten geben.” – T.

Mitte April 2026 bekommt T. dann plötzlich hohes Fieber und muss sich mehrmals stündlich übergeben. Der Gefängnisarzt weigert sich erneut ihn ins Krankenhaus zu schicken; wissend, dass T. davor mehrere Tage im Hungerstreik gewesen, und der Körper von Verletzungen ohnehin schon geschwächt war. Freund*innen rufen das Gefängnis von ausserhalb der Mauern an und fordern, dass T. geholfen wird. Abschätzig bekommen sie zu hören, woher sie denn wüssten, dass er 40°C Fieber habe, ob sie mit einem Thermometer neben ihm sässen. So rufen die Freund*innen die Ambulanz, welche laut Berichten von Gefangenen ganze vier Mal an den Toren des Bässlerguts abgewiesen werden.

T. und sein Bruder F. teilen sich eine Zelle im Ausschaffungsgefängnis Bässlergut. F. hat ebenfalls starke Verletzungen, die von einem Unfall in einem Asylcamp stammen, wo er aus dem ersten Stock fiel. Fünf Tage lag er danach im Koma. Bis heute hat er die nötigen Operationen nicht erhalten, weil der Gefängnisarzt sich weigert, ihn ans Krankenhaus zu überweisen; dies trotz gebrochener Schulter und weiteren Verletzungen. F. trat als einer der ersten Gefangenen in den Hungerstreik und sogar in einen zweitägigen Durststreik. Mittlerweile hat er ungefähr 10 kg abgenommen in weniger als einem Monat und erscheint kaum noch zum Besuch, weil es ihm sehr schlecht geht.

Fall 2: Djamal*

Djamal* leidet an einer chronischen Krankheit. Er ist auf ein Medikament angewiesen, das in Algerien nur sehr schwer erhältlich und so gut wie unbezahlbar ist. Seit über zehn Jahren wird er von einem Spezialisten in Baselland behandelt, der seine Krankheitsgeschichte kennt und sie seit langem begleitet. Trotzdem versucht die Schweiz ihn seit über 14 Monaten nach Algerien auszuschaffen. Mehrfach wurden Djamal seine halbjährlichen Darmspiegelungen und weitere Arzttermine verwehrt.

Fall 3: Said*

Vor einiger Zeit brach sich Said* durch eine “falsche Bewegung” beim Tischtennis das Handgelenk; er hat eine chronische Knochenkrankheit und bricht sich im Winter öfters was. Er äussert klar, dass er einen Arzt brauche, doch das Gefängnispersonal verweigert die ärztliche Behandlung. Erst am Abend bringen sie ihn, umstellt von sieben Polizist*innen ins Krankenhaus, geben Said nach seiner Operation jedoch weiterhin nur Ibuprofen und eine Creme.

Fall 4: Karim

Karim kommt mit starken Schmerzen im Bauch ins Spital. Nach einem Ultraschall wird eine Magenspiegelung angeordnet, da Bakterien im Bauch vermutet werden. Die entsprechende Überweisung in ein Spital verweigert der zuständige Gefängnisarzt jedoch bis heute. Karim leidet weiterhin stark unter seinen gesundheitlichen Problemen und ist deswegen am 8. April 2026 – sechs Tage vor den meisten Gefangenen – in den Hungerstreik getreten.

Fall 5: W.

W. wurde vor ca. drei Monaten zweimal hier in der Schweiz am Herz operiert. Seine Herzprobleme stammten vom Quetiapin, dem Psychopharmakon, das im Gefängnis leichtfertig (und off-label) als Schlafmittel verteilt wird. Am Folgetag seiner zweiten Operation wurde er ausgeschafft. Mit schmerzender Brust sass er am Flughafen. W. gelang es in die Schweiz zurückzukommen und wurde kurz darauf erneut verhaftet. Seither sitzt er wieder im Bässlergut.

“Normalerweise müsste ich im Spital sein, nicht im Gefängnis. Ich streike für eine medizinische Behandlung.” – W.

Nach dem Hungerstreik verweigert er für mindestens eine Woche jegliche medizinischen Visiten und versucht sogar seine Medikamente zu verweigern, worauf ihm jedoch mit der Einzelzelle, dem “Bunker” gedroht wurde.

Fall 6: Nouri*

Nouris* Zahnprothese ist beim Essen kaputt gegangen. Seit Monaten wartet er darauf, dass er einen Ersatz erhält, doch der medizinische Dienst sagt, Nouri müsse warten, bis er wieder draussen sei. Er kann fast nur noch Suppe zu sich nehmen.

Fall 7: Ahmed

Ahmed hat starke Schmerzen und Entzündungen im Mund, sie eitern und bluten. Tagelang wird Ahmed ein Arzttermin verwehrt. Eine Pflegerin weigert sich ihn ins Krankenhaus zu schicken, da sie meint, es sei zu teuer. Einige Tage später sagt sie ihm, er könne nun doch zum Arzt gehen. Kaum ist Ahmed draussen, stehen da aber acht Polizist*innen, die ihn an den Flughafen bringen, um die Ausschaffung nach Algerien gewaltvoll und durch einen Hinterhalt durchzuführen.

Was wir aus allen diesen Fällen lernen

Statt medizinischer Behandlung werden unspezifische Medikamente abgegeben. Dafalgan gegen alles, dazu Quetiapin als Schlafmittel – ohne Aufklärung, Abklärung und ohne Begleitung. Sedierung ersetzt Versorgung. Bei jedem Besuch erzählen die Gefangenen von dieser gravierenden Unterversorgung. Wir sind schockiert, dass (trotz mittlerweile mehrerer Meldungen) das Gesundheitsdepartement und die Ärzt*innengemeinschaft nichts unternehmen, um diese menschenunwürdigen Zustände zu ändern.

Die Unterversorgung hat System. Aber sie hat auch klar benennbare Akteure, die nicht im Dunklen bleiben sollen:

  • Das Staatssekretariat für Migration SEM, die Migrationsämter BS, BL und SO, das Gesundheitsdepartement BS, sowie der Grosse Rat BS
  • Leiterin des Justizdepartements Stefanie Eymann
  • Leiter des Gesundheitsdepartements Thomas Bart
  • Leiter des Bässlergut Fabian Henz
  • Leiter der Administrativhaft Bässlergut Christoph Salzmann
  • Yousif Faddah, einer von drei Gefängnisärzten. Jener, der die meiste Zeit Dienst hat und vor allem jener, die in ausnahmslos jeder Geschichte von Unterversorgung, Ignoranz und Unmenschlichkeit vorkommt, die die Gefangenen beim Besuch erzählen. Die Namen der anderen beiden Gefängnisärzte sind uns bisher nicht bekannt.
  • Zudem machen sich alle Mitarbeitenden des medizinischen Dienstes sowie des Wachpersonals im Bässlergut mit ihrem Schweigen und dem Beitrag zum Erhalt dieser Institution mitverantwortlich und somit schuldig.

Die Gefangenen werden weiter Widerstand leisten. Wir werden diesen Widerstand weiterhin unterstützen, nach draussen tragen und über die systematischen Missstände im Bässlergut recherchieren und berichten. Schliesst euch diesem Kampf gegen den Ausschaffungsknast Bässlergut an: Redet darüber, informiert euch und andere, geht besuchen, schreibt den Verantwortlichen eine Email, seid kreativ!

Bis alle Mauern bröckeln.
In Solidarität mit allen Gefangenen.

*Name wurde geändert