Securitas-Gewalt im Lager Basel

Asylsuchende ergreifen das Wort und machen Aussagen über gewalttätige Übergriffe auf sie durch Mitarbeitende der Securitas AG im Bundesasyllager Basel. Heute veröffentlichen wir eine umfangreiche Dokumentationsbroschüre dazu.

Die in dieser Broschüre zusammengetragenen Informationen sind das Resultat einer vielfältigen aktivistischen und dokumentarischen Arbeit von verschiedenen Personen und Gruppen aus der Region Basel, veröffentlicht durch das Kollektiv 3 Rosen gegen Grenzen. Die Dokumentationsbroschüre versammelt erstmals die Aussagen von elf gewaltbetroffenen Asylsuchenden sowie von Beschwerden, Spitalberichten und Bildmaterial. Sie Securitas-Gewalt wird detailliert dokumentiert und in einem zweiten Teil durch informative und analytische Artikel kontextualisiert.

Es gibt Sachen, die kann ich mit dem Mund nicht sagen, nur das Herz kann sie fühlen. Und nicht alle Menschen können es fühlen, sondern nur diejenigen, die in der Zelle waren

Nadji (Name geändert), Basel 8. April 2020

Die Gewaltbetroffenen legen Zeugnis darüber ab, wie Securitas-Mitarbeitende sie in ein bestimmtes Zimmer – die Zelle genannt – bringen und dort zu dritt, zu viert, zu fünft mit Händen und Füssen auf sie einschlagen. Viele betroffene Asylsuchende mussten nach den Übergriffen ärztlich behandelt, teilweise sogar mit der Ambulanz ins Spital gebracht werden. Für eine derartige Gewaltausübung und einen solchen Machtmissbrauch gibt es keine Entschuldigung. Die Securitas, die ORS (Betreiberin des Lagers) und allen voran das Staatssekretariat für Migration (SEM) müssen dafür verantwortlich gemacht werden.



Die Broschüre kursiert auch in gedruckter Form, vorerst auf Deutsch, später hoffentlich auch in Übersetzungen. Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass sich in den aufgezeichneten Gesprächen Schilderungen verschiedenster Gewaltformen wiederfinden. Die Berichte können auch für Leser*innen belastend sein. Den einzelnen Aufzeichnungen sind aus diesem Grund jeweils kurze inhaltliche Angaben in einem separaten Kästchen nebenangestellt. Schaut zu euch und sprecht bei Bedarf mit Vertrauten über das Gelesene.


GEWALTFÄLLE IN ANDEREN KANTONEN!!!

In der Papierlosen Zeitung vom 20. Mai 2020 berichtet die Recherchegruppe Embrach von physischer Securitas-Gewalt im Bundesasyllager Embrach. Im Artikel “Du meinst wohl, wir sind hier in einem Hotel” beschreibt die Recherchegruppe Vorfälle von physischer und psychischer Gewalt im Lager Embrach. In einer Medienmitteilung vom 18. Juni 2020 geben Solidarité Tattes und Droit de Rester Fribourg bekannt, dass drei Asylsuchende Anzeige gegen zwei Protectas-Mitarbeitende eingereicht haben. Alle Medienberichte dazu findet ihr in unserem Pressespiegel. Die Dokumentationen aus Embrach und Giffers zeigen: Die Fälle in Basel sind keine Einzelfälle, sondern Teil des Asyllagersystems Schweiz.


Wie kam es zu dieser Broschüre?

Anfang letzten Jahres wurden von Aktivist*innen erste Gespräche, in denen Asylsuchende über ihre Situation im Lager berichten, dokumentiert. Dieser Dokumentationsprozess wurde im Februar 2020 durch eine zufällige Begegnung mit einer Gruppe Minderjähriger* aus dem Bundesasyllager neu angestossen. Bei der Begegnung berichteten die Jugendlichen von extremer Gewalt, insbesondere durch Angestellte der Securitas AG. Im Anschluss an die Begegnung folgten zahlreiche weitere Gespräche mit Menschen, die in Asyllagern in und um Basel untergebracht sind_waren und von ähnlichen Gewaltvorfällen berichteten. In den vergangenen Monaten konnte(n) – dank intensiver Übersetzungsarbeit – viele Gespräche dokumentiert und weiteres Material gesammelt werden, das die extremen Gewaltverhältnisse in den vom Staatssekretariat für Migration betriebenen Lagern widerspiegelt.

Grösster Respekt geht an die Direktbetroffenen, die den Mut und die Kraft aufgebracht haben, ihre Gewalterfahrungen mit uns zu teilen und sensibelstes Material für Recherchen zur Verfügung zu stellten. Un monde ou rien!